Die mutige Fragestellerin Pauline aus Würzburg hat Lars Klingbeil genau da angepackt, wo es wehtut: Sie wollte wissen, wie er der massenhaften sexuellen Ausbeutung im Prostitutionsmilieu endlich den Kampf ansagen will. Seine Antwort? Sagen wir… ausbaufähig. Weil der Ortsgruppe Leipzig das seichte Herumgeeiere nicht reichte, hat sie dem SPD-Chef jetzt einen Brief geschickt. Inhalt: Eine ordentliche Portion Nachhilfe in Sachen Realität! Lest selbst:
Sehr geehrter Herr Klingbeil,
mit Bezug auf die Sendung „Arena“ der ARD vom 08.06.2026 möchten wir uns als Ortsgruppe Leipzig des SISTERS – Für den Ausstieg aus der Prostitution! e.V. an Sie wenden.
In der Sendung erkundete sich eine Fragestellerin nach der Abschaffung der Prostitution durch das Nordische Modell und wie Sie vorhätten, die Frauen zu schützen.
Sie blieben dabei: „Man(n?) kann Prostitution nicht verbieten.“ Doch niemand in diesem Moment forderte ein Verbot der Prostitution.
So wie auch wir fordert die Fragestellerin stattdessen ein Sexkaufverbot in der konkreten Gestalt des Nordischen Modells. Dieses Modell lässt sich keinesfalls einzig als Verbotsgesetz charakterisieren, sondern steht auf vier gleich starken Säulen, sowie dem Fundament der Überzeugung, dass Prostitution Gewalt ist:
- 1. Säule (Sexkaufverbot): Die Kriminalisierung der sogenannten Freier sowie aller Drittprofiteure. Die konsequente strafrechtliche Verfolgung letzterer hielten Sie in der Sendung schließlich selbst für erforderlich.
- 2. Säule (Entkriminalisierung): Die vollständige Entkriminalisierung aller Prostituierten.
- 3. Säule (Ausstiegshilfen): Umfangreiche, staatlich geförderte Ausstiegsprogramme und flankierende Hilfen.
- 4. Säule (Prävention und Aufklärung): Die Schärfung des gesellschaftlichen Bewusstseins für die fundamentale Erkenntnis, dass Prostitution ein System der Gewalt ist.
Schweden hat dies bereits 1999 zutreffend erkannt. Die rigorose Bekämpfung der Nachfrage nach Prostitution hat dort dazu geführt, dass die Prostitution nicht im Dunkelfeld verschwand, sondern maßgeblich zurückging, und die Frauen, die sich zuvor prostituieren mussten, nun ein menschenwürdiges und selbstbestimmtes Leben führen können. Denn die Menschenhändler und Zuhälter, deren alleinige Bekämpfung Sie für ausreichend erachten, sind zwar Schuldige, jedoch nicht alleinige Verursacher dieses Ausbeutungssystems. Ebenso schuldig sind die Freier, deren Nachfrage die Taschen der Drittprofiteure füllt und immer neue Frauen in die Prostitution drängt.
Hierzulande sind lediglich 8-12% aller Prostituierten angemeldet. Der Rest agiert in einem Dunkelfeld, das nicht zu durchdringen ist. Polizeischätzungen zufolge sind etwa 90 bis sogar 95% der Prostituierten in Deutschland unter Zwang tätig. In unserer Arbeit sehen wir täglich, wie die verletzlichsten Mitglieder unserer Gesellschaft in ihrer Not wie Ware verwertet werden – in einer Institution, die Männern ständigen Zugriff auf den Körper einer Frau gewährt.
Die Prostitution als Gewalt zu benennen ist gerade keine Glaubensfrage, sondern die Anerkennung der Realität, dass Prostitution ein System ist, welches nicht nur Frauen als Individuen, sondern auch die Gleichstellung von Frau und Mann fundamental gefährdet.
Nach 24 Jahren liberaler Gesetzgebung in Deutschland, die diese Ausbeutung duldet, müssen wir die Frage nach der politischen Mitverantwortung stellen. Eine Verbesserung der Bedingungen in der Prostitution ist nicht möglich. Die Gewalt und die Machtasymmetrie zwischen Freier und Prostituierter können aus der Prostitution nicht entfernt werden, sie sind das Fundament der Prostitution selbst. Dies zu erkennen ist der erste wirksame Schritt zum Schutz der Opfer, die diese 24 Jahre liberaler Gesetzgebung eigens geschaffen haben.
Wir appellieren daher an Sie, Herr Klingbeil, die Augen vor der Realität der deutschen Sexindustrie nicht länger zu verschließen. Zeigen Sie sich solidarisch mit den Betroffenen dieses Ausbeutungssystems und ziehen Sie das Nordische Modell als echten, progressiven Schutz für Frauen ernsthaft in Erwägung, statt es pauschal als unwirksames Verbot abzutun. Die verletzlichsten Frauen unserer Gesellschaft brauchen politische Verbündete wie die SPD. Wir hoffen, Sie stehen an ihrer Seite.
Beste Grüße aus Leipzig,
Ihre Ortsgruppe Leipzig des SISTERS– Für den Ausstieg aus der Prostitution! e.V.


