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Feier zum 10jährigen Jubiläum des Nordischen Modells in Frankreich (12.- 14.4.2026)

Zehn Jahre Nordisches Modell in Frankreich – und es wirkt

Gemeinsam mit CAP International feierten wir in Paris, was erreicht wurde: Schutz für Frauen, ein klarer Fokus auf die Nachfrage und eine entschiedene Haltung gegen das ausbeuterische System Prostitution.

Beim Global „March of Survivors and Allies“ gingen wir mit Überlebenden aus aller Welt durch die Stadt – getragen von der Überzeugung, dass Gleichberechtigung nur ohne Prostitution möglich ist.

Seit 2016 setzt Frankreich das Nordische Modell um: Freier werden bestraft, Frauen unterstützt. Heute gilt Prostitution dort als sexuelle Gewalt und nicht als normale Arbeit. Das Jubiläumswochenende zeigte eindrucksvoll, wie ein Land handelt, das Prostitution als Gewalt gegen Frauen begreift.

Die von CAP International, französischen Partnerorganisationen und ParlamentarierInnen organisierten Feierlichkeiten markierten diesen Meilenstein.

Global March of Survivors and Allies – 12.4.2026

Schon der Global March machte sichtbar und hörbar, worum es geht:

„Abolir la prostitucion“,“prostitueurs sont violeurs”, „Listen to survivors“,  „feministe, abolitionniste”, “prostitution: sexiste, classiste, raciste”. Nach einer symbolischen Blumenniederlegung am Pantheon zur Würdigung der Überlebenden der Prostitution und zum Gedenken an die Frauen, die die Hölle der Prostitution nicht überlebt haben, zogen die TeilnehmerInnen singend, trommelnd, mit Sprechchören und Plakaten in mehreren Sprachen durch die Stadt. PassantInnen schlossen sich an – bis zum Invalidendom wuchs der über zweistündige Marsch stetig, auf über 1000 Menschen an.

Eine kraftvolle, fröhliche Demonstration!

Ungewohnt für uns, aus deutscher Perspektive, waren die vielen roten Fahnen. Die Unterstützung des Marsches durch sozialistische, kommunistische und gewerkschaftliche Gruppen.

Festakt in der Nationalversammlung am – 13.4.26

Am Jahrestag der Gesetzesverabschiedung lud die politische Spitze zu einem Festakt in die Nationalversammlung ein. In einem dicht gefüllten Programm wurden die Wegbereiterinnen des Gesetzes gewürdigt und gemeinsam mit Abgeordneten, MinisterInnen, NGOs, Abolitionistinnen und Überlebenden Bilanz gezogen: zu Entstehung und Erfolgen des Gesetzes, bestehenden Umsetzungslücken, der Mobilisierung der Zivilgesellschaft, internationalen Vergleichen sowie neuen Herausforderungen wie digitaler Anbahnung und Pornografie.

Hélène Bidard, ehem. Bürgermeisterin von Paris, eröffnete die Veranstaltung mit dem Appell: „Dieses Gesetz muss nun die Welt umrunden.“

Eine Nation bekennt Farbe

Die Präsidentin der Nationalversammlung, Yael Braun-Pivet, zeichnete den politischen Weg nach: Schließung der Bordelle, Entkriminalisierung der prostituierten Frauen, Ausbau von Hilfen und Alternativen. Sie betonte die zentralen Werte der Republik, Egalité (Gleichstellung), Menschenwürde. Sie verwies darauf, dass Prostitution auch laut UN ein Verstoß gegen die Menschenwürde ist – und warf einen kritischem Blick über die Grenzen hinweg. Deutschland, so ihre deutlichen Worte, trage den fragwürdigen Titel „Bordell Europas“ und zeige sich in Fragen der Geschlechtergleichstellung rückständig. Braun-Pivet forderte eine europäische Einheit gegen  Menschenhandel und Ausbeutung.

Schwedens Gleichstellungsministerin Nina Larsson untermauerte dies: Die oft befürchtete Verschiebung der Prostitution in den Untergrund sei ausgeblieben; stattdessen sei Schweden für Menschenhandel unattraktiver geworden.

Sie und ihre französische Kollegin Aurore Bergé betonten den normativen Effekt des Gesetzes. Es verändere gesellschaftliche Werte.

Der lange Weg zum Gesetz – und seine Verteidigung

Die Entstehung des Gesetzes war das Ergebnis jahrzehntelanger Kämpfe feministischer und menschenrechtlicher Organisationen. Initiiert von der sozialistischen Ministerin für Frauenrechte, Najat Vallaud-Belkacem, verabschiedet parteiübergreifend, unterstützt von Gewerkschaften und getragen auch von Überlebenden, die öffentlich Zeugnis über Gewalt und Ausbeutung ablegten.

Der republikanische Abgeordnete Guy Geoffroy erinnerte daran, dass Prostitution nicht Freiheit bedeutet, sondern in Frauenfeindlichkeit und Sklaverei wurzelt. Die Entkriminalisierung der prostituierten Frauen sei daher ein fundamentaler Schritt gewesen. Seit 2016 wurde in Frankreich keine einzige prostituierte Frau mehr strafrechtlich belangt. Aber über 10 000 Sexkäufer.

Die Initiatorinnen des Gesetzes, Maude Olivier, Catherine Coutelle und Najat Vallaud-Belkacem erzählten von den politischen Kämpfen der Anfangsjahre, den Angriffen von Freier- und Pro-Sexarbeits-Verbänden  – und wie ein einziger diffamierender Presseangriff gegen Olivier schließlich eine Welle der Solidarität und den Durchbruch brachte.

Grégoire Théry, CAP International, schilderte die sieben Jahre politischen Kampfes bis zur Verabschiedung sowie anschließend die erfolgreiche Verteidigung vor Verfassungsgericht und EGMR – Erfolge, die die abolitionistische Bewegung weltweit stärkten.

Herausforderungen in der Umsetzung und die Stimme der Überlebenden

Trotz rechtlicher Erfolge wurden unzureichende Mittel für die Ausstiegsangebote, zu zögerliche polizeiliche Ermittlungen und Kontrollen des Prostitutionsmarktes und zu wenige Verurteilungen kritisiert. Sensibilisierungsprogramme, so Fréderic Boisard (Fondation Scelles), wirkten nur in Verbindung mit konsequenter Strafverfolgung.

Zuwenig werde überdies investiert in Bildungs- und Aufklärungsprogramme für Jugendliche.

Besonders bewegend waren die Beiträge der Überlebenden. Rosen Hicher, die mit einem Gewaltmarsch durch Frankreich auf den Gesetzgebungsprozess aufmerksam gemacht hatte, erhielt stehende Ovationen für ihren Mut, den „schlimmsten Albtraum“, Prostitution, zu benennen und Gesicht zu zeigen. Hope, die dank des Gesetzes aussteigen konnte, forderte eine weltweite Verbreitung des Modells, um Frauen schon im Vorfeld der Prostitution zu schützen.

Europa, internationale Perspektiven und neue Fronten

Die UN-Sonderbeauftragte Reem Alsalem betonte die Notwendigkeit, Prostitution als Gewalt gegen Frauen und Mädchen anzuerkennen.

Maria Noichl (MdEP) wies auf den europäischen Flickenteppich der Prostitutionsgesetzgebung hin, der Menschenhandel begünstigt. Sie appellierte, die EU-Entschließung von 2024 auf nationaler Ebene umzusetzen.

Immer wieder wurde Deutschland als warnendes Beispiel genannt: zu wenig Kontrolle, zu viel Macht für Zuhälter und Menschenhändler, zu starker Einfluss der Pro-Sexkauf-Lobby. Kerstin Neuhaus, Bundesverband Nordisches Modell, brachte es auf den Punkt: „Wir sind immer noch das Schwarze Schaf“ aber „wir kämpfen weiter und hoffen, in absehbarer Zeit selbst zur Feier des Nordischen Modells in Deutschland einzuladen.“

Ein abschließendes Panel widmete sich den neuen Fronten: Pornografie und Plattformen wie OnlyFans. Anwältinnen und Überlebende beschrieben die zunehmende Brutalisierung der deren Folgen vor allem für Jugendliche.

Resümee – und ein Auftrag für Deutschland

Für uns deutsche Besucherinnen blieb das Bild eines Landes, das Klarheit zeigt: Prostitution ist Ausbeutung und Gewalt.

Beeindruckend war die Wertschätzung feministischer Arbeit, das mutige Auftreten der Überlebenden und ihre herzliche Würdigung und die professionelle Organisation der Demonstration und des Festakts.

Während Frankreich Würde und Gleichstellung zum Maßstab macht, setzt Deutschland auf den Markt, die Prostitutionsindustrie, und verteidigt ein System, das Frauen und Mädchen systematisch im Stich lässt.

Die FranzösInnen sagen: „Wir sind noch nicht am Ziel, aber wir gehen voran.“

Genau diese Haltung müsste auch in Deutschland längst Ausgangspunkt politischen Handelns sein.