Immer wieder bekommen wir Anfragen von Journalisten, die mit unseren Ehrenamtlichen oder Aussteigerinnen sprechen möchten. Darüber freuen wir uns sehr und versuchen wirklich jede Anfrage wahrzunehmen.Dabei sind schon unglaublich tolle Berichte und Artikel zustande gekommen, erst kürzlich gewann eine Dokumentation sogar einen Preis (Reporterpreis).
Jedoch gibt es auch eine Kehrseite, wenn die Journalisten nicht bereit sind, ihre eigene Voreingenommenheit zu hinterfragen und aus falsch verstandener politischer Korrektheit Aussteigerinnen Label aufdrücken, von denen sie sich im Vorfeld mehrfach distanziert haben.
So ist es auch der Aussteigerin Linda ergangen, weshalb sie sich nun hier mit einer Klarstellung zu Wort melden möchte:
Ich habe mich bereit erklärt, für den MDR anonym als Betroffene der Prostitution und als Aussteigerin ein Interview zu geben, weil ich Außenstehenden deutlich machen wollte, wie problematisch es ist, Prostitution als normale Arbeit darzustellen. (Link zum Artikel)
Mein Ziel war es, auf die Realität hinter dieser Industrie aufmerksam zu machen, auf Abhängigkeiten, Gewalt, psychische Zerstörung und strukturelle Ausbeutung.
Im Vorfeld habe ich mehrfach ausdrücklich darauf hingewiesen, dass ich nicht als Sexarbeiterin bezeichnet oder betitelt werden möchte. Diese Bezeichnung entspricht weder meinem Selbstverständnis noch meiner Erfahrung. Trotzdem
werde ich in der begleitenden Audioaufnahme von einem Moderator als ehemalige Sexarbeiterin bezeichnet. Das hat mich tief verletzt und wütend gemacht, weil damit meine klare Selbstbeschreibung ignoriert und überschrieben wurde.
Auch im Artikel selbst entsteht durch die Wortwahl ein problematischer Widerspruch. Während ich als Prostituierte beschrieben werde, wird im zweiten Teil des Beitrags von Sexarbeiterinnen gesprochen, insbesondere im Interview
mit der Leitung der AWO. Dort wird meine Geschichte als einer von vielen sogenannten Realitätsberichten eingeordnet, neben angeblich selbstbestimmt arbeitenden Frauen. Dadurch entsteht der Eindruck, dass das, was mir passiert
ist, ein persönliches Unglück oder ein Einzelfall sei, während es gleichzeitig eine harmlose, selbstbestimmte Sexarbeit gebe.
Aus meiner eigenen Erfahrung und aus den Erfahrungen vieler anderer Frauen kann ich sagen, dass diese Gegenüberstellung der Realität nicht gerecht wird.
Auch diejenigen, die als selbstbestimmt gelten, sind fast immer in psychischen, emotionalen oder finanziellen Abhängigkeiten gefangen. Viele befinden sich in Traumafolgen, Schuldspiralen oder ökonomischer Not. Die Vorstellung, dass Prostitution für einen relevanten Teil der Frauen eine gesunde, freie und gleichberechtigte Erwerbsarbeit sei, entspricht einfach nicht der Wahrheit.
Besonders enttäuschend ist für mich, dass viele der Inhalte, die ich bewusst und reflektiert eingebracht habe, im Artikel kaum oder gar nicht vorkommen. Ich habe ausführlich darüber gesprochen, wie gefährlich der Einstieg über digitale
Prostitutionsplattformen ist, die sich als harmlose Dating- oder Taschengeldmodelle präsentieren und damit gezielt verharmlosen, was in Wahrheit ein hochriskantes Ausbeutungssystem ist. Dieser Aspekt fehlt im veröffentlichten Text vollständig. Stattdessen bleibt vor allem das Bild einer leidenden Einzelperson zurück, nicht die strukturelle Kritik, die ich formuliert habe.
Ich habe dieses Interview gegeben, um aufzuklären, nicht um meine Erfahrungen relativieren oder entpolitisieren zu lassen. Prostitution ist kein normales Arbeitsverhältnis. Sie ist in ihrer Struktur ein System von Macht, Abhängigkeit und Gewalt. Wenn Medien Begriffe wie Sexarbeit verwenden und gleichzeitig Betroffenen ihre eigene Selbstbezeichnung absprechen, tragen sie zur Verharmlosung dieses Systems bei.
Das wollte ich nicht unwidersprochen stehen lassen.


