Am 02. März 2026 hatte die Ortsgruppe Leipzig die Gelegenheit an der Sitzung des Beirats für Gleichstellung der Stadt Leipzig teilzunehmen und eine sachkundige Bürgerin zu stellen. Im Zentrum der Beratungen stand die Neufassung des Antrags zur Einrichtung einer gynäkologischen Ambulanz für Prostituierte. Dieser wichtige Schritt zielt darauf ab, die medizinische Versorgung vor Ort deutlich zu verbessern und Hürden abzubauen.Konkret sieht der aktuelle Beschlussvorschlag vor, dass der Oberbürgermeister die Einrichtung einer wöchentlichen, zweistündigen gynäkologischen Sprechstunde in den Räumen des Gesundheitsamtes prüft. Ein zentraler Punkt ist dabei die Barrierefreiheit: Das Angebot soll kostenlos und vollkommen unabhängig vom Anmeldestatus der Frauen zugänglich sein. Um die tatsächliche Lebensrealität und die Bedarfe der Prostituierten besser zu verstehen, sollen die Behandlungen zudem anonym statistisch erfasst werden.
Um die dringende Notwendigkeit dieses Vorhabens zu unterstreichen, verlasen wir während der Sitzung das bewegende Statement einer Aussteigerin, die derzeit von SISTERS betreut wird. Solche Berichte aus der direkten Praxis machen deutlich, wie essenziell eine niederschwellige und geschützte medizinische Anlaufstelle ist.
Im folgenden wird der verlesene Text wiedergegeben:
Helena, 40 Jahre alt, war drei Jahre in der Prostitution, Einstiegsalter: 36
Viele Menschen glauben noch immer, dass Frauen in der Prostitution gut über Geschlechtskrankheiten Bescheid wissen und sich entsprechend schützen können. Dieses Bild hält sich hartnäckig. Und sicher gibt es Frauen, die viel Wissen haben.
Gleichzeitig existiert die Annahme, dass man in diesem Bereich automatisch ausreichend aufgeklärt wird. Tatsächlich erhält man bei einer offiziellen Anmeldung eine Gesundheitsberatung. Was dabei oft übersehen wird, ist, dass ein großer Teil der Frauen gar nicht angemeldet ist. Dafür gibt es viele unterschiedliche Gründe. Diese Frauen durchlaufen auch keine verpflichtende Beratung und verfügen daher häufig nicht über das Wissen, das ihnen von außen oft unterstellt wird.
Auch ich dachte damals, dass ich grundsätzlich weiß, wie man sich schützt. Als ich aus finanzieller Not in die Prostitution ging, war mir theoretisch bekannt, wie sich Krankheiten wie Gonorrhoe übertragen und dass Kondome beim Geschlechtsverkehr schützen sollen. In der Praxis sah die Realität jedoch anders aus.
Selbst wenn man freiwillig in der Prostitution tätig ist, und ich spreche hier ausdrücklich aus meiner eigenen Erfahrung, hat man nicht immer die tatsächliche Kontrolle über die Bedingungen. Konsequenter Schutz hätte bedeutet, bei jedem Oralverkehr auf Kondome oder Lecktücher zu bestehen. Tatsächlich erwartete jedoch ein Großteil der Männer ungeschützten Oralverkehr. Ein konsequentes Bestehen auf Schutz hätte häufig dazu geführt, dass Termine gar nicht zustande gekommen wären oder der Preis massiv gedrückt worden wäre.
Hinzu kommt die körperliche Belastung durch häufige sexuelle Kontakte. Wiederholte Reibung, kleine Verletzungen der Schleimhäute und die mechanische Belastung erhöhen das Infektionsrisiko zusätzlich. Theoretisches Wissen schützt in diesem Arbeitskontext nur begrenzt, wenn es sich unter realen Bedingungen nicht vollständig umsetzen lässt.
Nun bin ich eine deutsche Frau mit Krankenversicherung. Von außen betrachtet könnte man annehmen, der Weg zur medizinischen Versorgung sei damit jederzeit problemlos möglich. Für mich war er es nicht.
Bereits in den ersten Wochen meiner Tätigkeit steckte ich mich mit Gonorrhoe an, vaginal, anal und sogar am Auge. Als ich erstmals zu meiner Frauenärztin ging, verschwieg ich aus Scham meine tatsächliche Tätigkeit und sprach nur von einem Sexualpartner. Ein Test wurde zunächst nicht durchgeführt. Erst beim zweiten Besuch erfolgte überhaupt eine Testung. In dieser Zeit arbeitete ich weiter.
In den folgenden Jahren entwickelte ich eine chronische Harnwegsinfektion und hatte multiresistente Keime in der Blase. Nach Arbeitseinsätzen kam ich immer wieder mit Infektionen wie Herpes oder bakteriellen Vaginosen nach Hause. Trotzdem mied ich häufig den Arztbesuch.
Mit der Zeit wurde meine Angst größer, in der gynäkologischen Praxis nicht mehr ernst genommen zu werden, weil ich ständig mit neuen Beschwerden erschien. Diese Sorge entwickelte sich zu einer echten Hürde. Die Scham wurde größer als die Sorge um meine eigene Gesundheit.
Ein gutes Beispiel dafür ist meine Erfahrung mit meiner Frauenärztin in Bezug auf die Pille. Natürlich habe ich ihr nicht offen gesagt, warum ich ein anderes Präparat brauchte oder bevorzugte. Aber ich merkte deutlich, dass sie zunehmend genervt reagierte. Als sie mir schließlich ein östrogenfreies Präparat verschrieb, war das Thema für sie erledigt. Für meine tatsächliche Lebensrealität blieb kein Raum.
Ähnlich verlief es bei meinem chronischen Harnwegsinfekt. Dieser wurde zwar urologisch begleitet. Der Urologe wusste von meiner Tätigkeit. Irgendwann hatte ich jedoch das Gefühl, dass meine Beschwerden nicht mehr wirklich ernst genommen wurden. Er sagte sinngemäß, das würde schon aufhören, wenn ich mit der Prostitution aufhöre.
Zu diesem Zeitpunkt war mir ein Ausstieg nicht möglich. Ich wusste irgendwann gar nicht mehr, zu wem ich noch gehen sollte. Die Situation belastete mich psychisch sehr stark, bis hin zu suizidalen Gedanken.
Ich bin überzeugt, dass ich in einer ambulanten Sprechstunde mit sensibilisierten gynäkologischen Fachkräften eher den Raum gefunden hätte, offen zu sprechen. Rückblickend hätte mir das vermutlich mehrere Jahre Leid erspart.
Ich weiß auch von anderen Frauen aus meinem damaligen Umfeld, dass sie ganz ähnliche Erfahrungen mit Ärzten gemacht haben.
Hinzu kommt ein strukturelles Problem im Alltag der Prostitution. Schutzwissen lässt sich unter realen Bedingungen oft nur eingeschränkt umsetzen, auch wegen des enormen Zeitdrucks.
Ich möchte dazu ein kurzes Beispiel nennen. Wenn ein Mann mich vaginal mit den Fingern penetrierte und zwischendurch immer wieder seinen eigenen Penis berührte, war mir theoretisch bewusst, dass dadurch Schmierinfektionen übertragen werden können. Trotzdem sprach ich das in der Situation nicht an. Aus Angst, dass der Mann länger braucht, dass er sein Geld zurückfordert oder dass die Situation kippt.
So war ich immer wieder einem Infektionsrisiko ausgesetzt.
Ein weiteres Problem waren bestimmte Praktiken, die häufig verlangt wurden. Wenn Männer zuerst eine anale Stimulation mit der Zunge wollten, mich danach küssten und anschließend meinen Intimbereich stimulierten, konnten leicht Darmbakterien in die Harnröhre oder Vaginalflora gelangen. Gerade wenn die Vaginalflora ohnehin empfindlich ist, steigt das Infektionsrisiko erheblich.
Unter solchen Bedingungen holt man sich trotz Vorsicht immer wieder Infektionen, ohne die Situation wirklich kontrollieren zu können.
Als meine Frauenärztin schließlich den Gonorrhoe Test durchführte, auf den ich selbst bestehen musste, erhielt ich zudem zunächst eine falsche Information zur Anwendung des Antibiotikums. Für mich zeigte sich auch hier eine gewisse Unsicherheit im Umgang mit dieser Erkrankung.
Aus finanzieller Not arbeitete ich trotz bestehender Gonorrhoe weiter und setzte damit meine Gesundheit erneut einem Risiko aus.
Besonders deutlich zeigte sich meine Angst später während meines Krankenhausaufenthaltes zur Entfernung der Gebärmutter kurz vor dem Jahreswechsel 2025/2026. Schon im Vorfeld hatte ich große Angst vor der Operation. Vor allem die Vorstellung, danach einen Katheter zu bekommen, war für mich sehr belastend, weil ich in der Prostitution in diesem Zusammenhang ein traumatisches Erlebnis hatte.
Nach der Operation hatte ich starke Schmerzen, die bei mir eine Retraumatisierung auslösten. Ich sprach eine Ärztin darauf an, fühlte mich mit meinen Ängsten und Sorgen jedoch nicht wirklich gesehen. Auf meine Bedürfnisse wurde kaum eingegangen.
In solchen Momenten fühlt man sich sprachlos. Man nimmt sich jedes Mal vor, offen zu sprechen, und schafft es dann doch nicht.
Zwischendurch suchte ich eine AIDS Beratungsstelle auf. Dort erhielt ich Aufklärung und Schnelltests. Das war hilfreich, ersetzte aber keine kontinuierliche gynäkologische Betreuung.
Mein zentraler Punkt ist: Wenn selbst ich als krankenversicherte, sprachsichere Frau solche Hürden erlebt habe, möchte ich mir nicht vorstellen, wie hoch die Schwelle für Frauen ist, die keine Krankenversicherung haben, aus dem Ausland kommen oder in noch prekäreren Situationen leben.
Aus meiner Sicht braucht es spezialisierte, niedrigschwellige gynäkologische Sprechstunden. Nicht als Sonderlösung aus Bequemlichkeit, sondern als realistische Gesundheitsversorgung für eine besonders belastete Gruppe.


