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„Die (un-)verborgene Gewalt gegen Frauen“ – Lesung mit Barbara Schmid in Leipzig

Trotz der Einschränkungen an diesem Wochenende durch den Streik im öffentlichen Nahverkehr war die Veranstaltung gut besucht. Die Autorin und Journalistin Barbara Schmid las aus ihrem Buch und erläuterte die Zusammenhänge zwischen Prostitution und Gewalt gegen Frauen. Eine von SISTERS unterstützte Aussteigerin aus der Prostitution ergänzte die Lesung in der anschließenden Podiumsdiskussion durch ihre persönlichen Erfahrungen, die die im Buch geschilderten Problemlagen eindrücklich bestätigten. Das Publikum beteiligte sich engagiert; der Austausch war offen und respektvoll.

Im Mittelpunkt der Diskussion stand die Frage, wie realistisch der Zugang zu gynäkologischer Versorgung für Frauen in der Prostitution tatsächlich ist. Anlass war ein aktueller Beschlussvorschlag im Leipziger Stadtrat zur Einrichtung einer kostenlosen und anonymen gynäkologischen Sprechstunde für Frauen in der Prostitution.
Die Aussteigerin schilderte, wie schwer es ihr, selbst als deutsche Staatsbürgerin mit bestehender Krankenversicherung, fiel, offen mit ihrer Frauenärztin über ihre gesundheitliche Situation zu sprechen. Wiederkehrende Infektionen – von Gonorrhö bis hin zu chronischen Harnwegsinfekten – hätten bei ihr zunehmend Scham ausgelöst. Trotz ordnungsgemäßen Gebrauchs von Kondomen sei sie immer wieder erkrankt. „Irgendwann konnte ich meine Beschwerden nicht mehr plausibel erklären, ohne den eigentlichen Grund zu nennen“, berichtete sie. Aus Angst vor Stigmatisierung habe sie Arztbesuche hinausgezögert und stattdessen im Internet nach Lösungen gesucht, wodurch sich Erkrankungen teilweise chronifizierten. Eine niedrigschwellige, gynäkologische Ambulanz in geschütztem, anonymem Rahmen für Frauen in der Prostitution hätte ihr sicher geholfen.
Auch Schmid äußerte sich skeptisch, dass nicht krankenversicherte Betroffene bestehende Hilfsangebote, etwa über anonyme Behandlungsscheine, die in Arztpraxen eingelöst werden, tatsächlich nutzen. Sie betonte: „Solche Modelle seien in der Praxis oft zu kompliziert. In der Realität haben die Frauen oft eine Vielzahl an unterschiedlichen Beschwerden und sind meist nur kurze Zeit in der Stadt. Mehrere Termine außerhalb des Bordells oder der Terminwohnung wahrzunehmen, bedeutet für eine Frau erheblichen Verdienstausfall und ist daher nahezu unmöglich.“ Als gutes Beispiel verwies sie auf Wiesbaden, wo die Sozialarbeiterinnen der Stadt bei der aufsuchenden Arbeit von einer Gynäkologin begleitet werden. Entscheidend sei ein einfacher, direkter und niedrigschwelliger Zugang.
Beide von der ehemaligen SPIEGEL-Journalistin veröffentlichten Bücher stießen vor Ort auf großes Interesse. Die Veranstaltung machte deutlich, wie eng die Themen Prostitution und strukturelle Gewalt gegen Frauen zusammenhängen. Sie zeigte zugleich, wie wichtig es ist, Betroffenen eine Stimme zu geben und ihre Erfahrungen in politische Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Das große Interesse des Publikums und die intensive Diskussion unterstrichen den Bedarf an weiterer Aufklärung und konkreten Unterstützungsangeboten für Menschen in der Prostitution in der Stadt Leipzig. Adele Mieschner, Leiterin der Ortsgruppe, zog in ihrer Abmoderation ein positives Fazit: „Der Abend hat sensibilisiert und wichtige Impulse für die gesellschaftliche und politische Debatte in Leipzig gesetzt. Wir alle hier sollten uns wirklich fragen, ob wir dieses Unrecht in unserer schönen Stadt weiterhin dulden wollen!“