Neuigkeiten, Presse, Events


Vortrag Sabine Constabel in Ludwigsburg: Mut zum Hinsehen – Mut zum Widerstand

Sabine Constabel hielt im Rahmen des Fachkongresses „Bordell Europas ist kein Qualitätsmerkmal“ in Ludwigsburg am 2. Februar 2026 einen Vortrag. Anbei der Text im Wortlaut:

Guten Morgen,

Vielen Dank für die Vorstellung.

Ich spreche heute aus der Perspektive einer Sozialarbeiterin, die seit über 35 Jahren Frauen im System Prostitution begleitet.

35 Jahre – Das ist kein Projekt und kein zeitlich begrenzter Auftrag. Das ist gelebte Praxis. Und es ist natürlich jede Menge Lebenszeit. Lebenszeit, in der ich Frauen begegnet bin, die ich nicht mehr vergessen werde. Frauen, die geweint haben, die geschwiegen haben, die gezittert haben, die einfach nur gesagt haben: „Ich kann nicht mehr.“ Ich habe Frauen erlebt, die mitten im Satz abgebrochen sind, weil Körper und Psyche nicht mehr mitgemacht haben. Frauen, die nicht wussten, wie sie die Nacht überstehen sollen. Frauen, die nicht wussten, wie sie ihren Kindern erklären sollen, was sie tun müssen, um Geld zu verdienen.

Ich bin außerdem eine der Vorstandsfrauen von SISTERS – für den Ausstieg aus der Prostitution e. V. Wir haben diesen Verein vor zehn Jahren gegründet, weil wir an einen Punkt gekommen sind, an dem Wegsehen nicht mehr möglich war. Nicht, weil wir plötzlich etwas Neues erkannt hätten, sondern aus der Erfahrung, dass das Wegsehen in unserer Gesellschaft Teil des Problems ist. Diese Erfahrung zwang uns, genauer hinzusehen. Denn das, was wir erlebten, ließ sich nicht auf einzelne Biografien oder individuelles Scheitern reduzieren. Es waren zu viele Frauen, die aus Osteuropa nach Deutschland gebracht wurden. Zu viele Frauen aus sogenannten Drittstaaten. Zu viele junge Frauen, die in ein System gerieten, das sie nicht schützt, sondern verbraucht.

SISTERS hat seinen Sitz in Stuttgart, aber unsere Arbeit endet nicht an Stadt- oder Landesgrenzen. Wir arbeiten bundesweit. Heute haben wir über 700 Mitglieder. Das sind größtenteils aktive Frauen und Männer, die sich quer durch die Republik in Ortsgruppen zusammengeschlossen haben. Zurzeit haben wir 10 dieser Gruppen. Unsere Mitglieder gehen nach draußen. Sie gehen in Bordelle, sie gehen auf die Straßen, sie nehmen Kontakt auf zu prostituierten Frauen. Und sprechen sie an, hören zu und bieten Hilfe an. Jeden einzelnen Tag sprechen unsere Mitfrauen mit Frauen, die in der Prostitution sind. Mit Frauen, die aussteigen wollen. Und auch mit Frauen, die beim Ausstieg gescheitert sind und zurückmussten – weil es keine Wohnung gab, keine Arbeit, keine Aufenthaltsperspektive, oder schlicht keine Möglichkeit die Zeit zwischen Bordell und normaler Arbeit zu finanzieren.

Das ist die Realität, mit der wir es täglich zu tun haben. Viele dieser Frauen werden rund um die Uhr überwacht. Von Zuhältern, von sogenannten Freunden – von Männern, die sehr genau wissen, wie man Abhängigkeit organisiert. Andere bleiben, weil sie Kinder haben. Oder Schulden. Oder Verantwortung für ganze Familien.

Ich bin heute nicht hier, um unterschiedliche Positionen über das System Prostitution freundlich nebeneinander stehen zu lassen. Und ich bin auch nicht hier, um jemanden persönlich anzugreifen. Aber ich bin hier, um klar zu sprechen: Denn Prostitution ist kein theoretisches Thema, kein Lifestyle-Phänomen, kein Randdiskurs. Prostitution ist ein strukturelles Gewaltverhältnis. Im System Prostitution wird der Kauf des Zugangs zu den Körpern anderer Menschen gebilligt und organisiert. In diesem System treffen unterschiedliche Formen von Unterdrückung und Herrschaft aufeinander. Und diese Gewalt lässt sich eben nicht entschärfen, indem man die Sprache verändert. Gewalt wird nicht harmlos, weil man sie Dienstleistung nennt. Sie wird nicht freiwillig, wenn man das oft genug behauptet. Prostitution ist menschenverachtend. Sie ist ein massives Unrecht. Sie ist Gewalt gegen Frauen. Und sie produziert – Tag für Tag – neue Gewalt.

Wenn ich heute über Prostitution spreche, dann spreche ich bewusst über Veränderung. Nicht, weil sich das Leid der Frauen grundlegend verändert hätte. Nicht, weil es heute „besser“ wäre. Sondern weil sich das System Prostitution in den letzten Jahrzehnten massiv gewandelt hat. Diese Veränderungen sind nicht zufällig entstanden. Sie wurden politisch ermöglicht, sprachlich flankiert und wirtschaftlich verstärkt. In meinen über 35 Jahren Praxis habe ich nicht nur einzelne Schicksale gesehen. Ich habe erlebt, wie sich Rahmenbedingungen verschoben haben. Wie Gesetze verabschiedet wurden. Wie neue Begriffe eingeführt wurden. Und wie sich dadurch die Realität der Frauen verändert hat – meist zum Schlechteren. Prostitution war nie harmlos. Sie war immer verbunden mit Gewalt, Armut und Abhängigkeit. Aber sie war anders organisiert. Und diese strukturelle Veränderung hat das Leid nicht reduziert, sondern vergrößert.

Ein zentraler Einschnitt war das Jahr 2001 mit dem Prostitutionsgesetz. Das Versprechen lautete: Entstigmatisierung, Schutz, rechtliche Absicherung. Was aber kaum gefragt wurde, war: Für welche Frauen gilt dieses Versprechen? Für die, die sprachlich sicher sind? Die ihre Rechte kennen? Die freiwillig entscheiden können? Prostitution nebenher betreiben? Oder für die armen, jungen, abhängigen Frauen, die kaum Deutsch sprechen, keinen Aufenthaltstitel haben, oder keine soziale Absicherung und keine Alternative sehen?

2017 folgte dann das Prostituiertenschutzgesetz. Auch hier wieder der Versuch, Schäden zu begrenzen. Aus meiner praktischen Erfahrung heraus muss ich sagen: Aus meiner Sicht blieb es ein Reparaturversuch, der den Kern nicht berührte. Denn der Kern, der ist nicht Verwaltung. Der Kern ist auch nicht Anmeldung. Der Kern ist: Warum sind diese Frauen überhaupt hier – und wer profitiert davon? In diesem Vortrag möchte ich deshalb keine juristische Detaildebatte führen. Ich möchte Ihnen einen praxisnahen Rückblick geben. Einen Blick darauf, wie Prostitution in den 1990er-Jahren aussah, was sich mit der Liberalisierung ab 2001 verändert hat, und warum wir heute mit einer hochindustrialisierten, global organisierten und extrem gewalt-förmigen Realität konfrontiert sind. Um das zu verstehen, müssen wir kurz zurückgehen, um sichtbar zu machen, wie wir hierhergekommen sind.

Als ich Anfang der 1990er-Jahre meine Arbeit begonnen habe, war Prostitution sichtbar – aber sie war noch kein globaler Industriezweig. Sie war lokal. Überschaubar. Und sie wurde gesellschaftlich klar als Problem wahrgenommen. Das heißt nicht, dass sie harmlos war. Ganz im Gegenteil. Gewalt, Armut und Ausbeutung gehörten schon damals dazu. Aber sie waren nicht systematisch perfektioniert, nicht international durchorganisiert, nicht auf maximale Rendite getrimmt. Viele der Frauen, mit denen ich damals gearbeitet habe, waren deutsche Frauen. Oft älter. Viele mit einer langen Geschichte von Brüchen. Migration spielte eine untergeordnete Rolle. Der massive Zustrom junger Frauen aus Osteuropa, wie wir ihn heute kennen, existierte in dieser Form noch nicht. In der Beratung sprachen wir Klartext: Wir nannten Gewalt beim Namen. Wir sprachen über Angst, über Ekel, über Übergriffe. Niemand kam auf die Idee, das als „Beruf“ zu beschreiben. Niemand sprach von Empowerment. Niemand von Normalisierung. Prostitution galt als Notlösung. Als etwas, in das Frauen hineingeraten – nicht als etwas, das sie sich frei aussuchen. Und der Ausstieg war beim Einstieg schon immer mitgedacht. Viele Frauen, die in den 1990er-Jahren in der Prostitution waren, hatten bereits vor ihrem Einstieg sexuelle Gewalt erlebt. In der Kindheit. In Beziehungen. In Abhängigkeitsverhältnissen. Das war in den Gesprächen spürbar. In der Art, wie sie über ihren Körper sprachen. Oder eben nicht sprachen. Begriffe wie „freiwillig“ passten schlicht nicht zur Realität. Sie wirkten fast zynisch.

Es gab damals noch so etwas wie eine klare moralische Einordnung. Prostitution wurde nicht verklärt. Nicht beworben. Und schon gar nicht als Ausdruck weiblicher Selbstbestimmung gefeiert. Es war klar: Hier passiert etwas, das Frauen schadet. Und es gab – trotz aller Schwierigkeiten – eine andere Haltung in der Beratung. Ausstieg war ein legitimes Ziel. Nicht rückständig, nicht moralisch fragwürdig, sondern notwendig. Frauen wurden nicht dafür kritisiert, dass sie raus wollten. Sie mussten sich nicht rechtfertigen. Auch damals war Prostitution für viele Frauen zerstörerisch. Auch damals gab es Traumata, Sucht, Gewalt. Aber: Die Normalisierung, die Sprachverharmlosung, die ökonomische Aufwertung hatte noch nicht eingesetzt. Und genau das änderte sich mit der politischen Entscheidung von 2001. Was danach kam, war keine Verbesserung – sondern der Beginn einer Entwicklung, die Prostitution in eine völlig neue Dimension geführt hat.

Dann kam das Jahr 2001. Und mit ihm das Prostitutionsgesetz. Dieses Gesetz war kein Detail, sondern ein Paradigmenwechsel. Zum ersten Mal sagte der deutsche Staat: Prostitution ist eine legitime Erwerbstätigkeit. Ein normaler Markt, ein regulierbares Gewerbe. Die Versprechen waren groß. Man sprach von Entstigmatisierung, von rechtlicher Absicherung, von besseren Lebensbedingungen für die Frauen. Was mich bis heute beschäftigt, ist nicht nur, dass diese Versprechen nicht eingelöst wurden – sondern für wen sie überhaupt gedacht waren. Denn die Realität der Frauen, mit denen ich arbeitete, passte nicht zu diesem Bild. Diese Frauen brauchten keine Vertragsfreiheit. Sie brauchten Schutz. Sie brauchten keine Normalisierung, sondern Ausstiegsmöglichkeiten.

Mit dem Gesetz veränderte sich etwas Grundlegendes: Prostitution wurde ökonomisch aufgewertet. Bordelle wurden größer. Aggressiver. Sie wurden öffentlich beworben. Deutschland entwickelte sich schrittweise zu einem der attraktivsten Länder für das Prostitutionsgewerbe in Europa. Und wo Märkte wachsen, folgt die Ware. In diesem Fall Frauen. Die Nachfrage stieg und sie musste bedient werden. Nicht durch freiwillige, abgesicherte Frauen – sondern durch Armut. Frauen aus Osteuropa, Frauen ohne Alternativen, Frauen ohne Sprachkenntnisse, Frauen ohne Rechte. Das Gesetz schuf keinen Schutzraum – es schuf einen Sog. In der Beratung sahen wir die Folgen sehr schnell. Frauen wurden austauschbarer. Abhängiger. Jünger. Der Druck nahm zu. Die Preise sanken. Die Gewalt nahm zu. Was sich verbesserte, waren nicht die Lebensbedingungen der Frauen, sondern die Geschäftsbedingungen für Betreiber und Profiteure.

2017 versuchte der Gesetzgeber mit dem Prostituiertenschutzgesetz nachzusteuern. Anmeldepflichten. Gesundheitsberatungen. Bordellerlaubnisse. Das klingt nach Kontrolle, blieb in der Praxis aber Verwaltung. Denn das Gesetz fragte weiterhin nicht: Warum sind diese Frauen hier? Wer zwingt sie? Wer profitiert? Aus meiner Sicht wurden die strukturellen Ursachen nicht angefasst. Die Nachfrage blieb unangetastet, die Machtverhältnisse blieben bestehen, die Armut blieb der Motor. Um zu verstehen, wie drastisch sich das ausgewirkt hat, müssen wir jetzt in die Gegenwart schauen. Denn das, was heute als Prostitution bezeichnet wird, hat mit dem, was wir in den 1990er-Jahren kannten, nur noch wenig zu tun.

Wenn wir heute über Prostitution sprechen, dann sprechen wir über ein hochindustrialisiertes System. Und dieses Wort müssen wir ernst nehmen: Industrialisierung. Denn das, was wir heute erleben, hat nichts mehr mit vereinzelter Prostitution zu tun. Es ist ein international organisierter Markt. Mit klaren Lieferketten, mit Rekrutierung, mit Kontrolle, mit maximaler Gewinnorientierung. Heute sind über 80 Prozent der Frauen in der Prostitution nicht in Deutschland geboren. Viele kommen aus Bulgarien, Rumänien, Ungarn. Aus Regionen mit massiver Armut. Mit hoher Arbeitslosigkeit, mit kaum sozialer Absicherung. Für diese Frauen ist Deutschland nicht das „Land der Freiheit“, sondern ein Ort, an dem sie funktionieren müssen.

Und etwas hat sich besonders verändert: Das Alter der Frauen. Jugend ist heute ein Verkaufsargument. Sehr junge Frauen werden gezielt nachgefragt. Mädchen, die kaum Lebenserfahrung haben. Kaum Wissen über Sexualität, kaum eine Vorstellung davon, was ihnen bevorsteht. Für manche dieser jungen Frauen ist der Freier der erste sexuelle Kontakt ihres Lebens. Sie wissen nichts über Risiken, nichts über Infektionen, nichts über Schutz, nichts über Grenzen. Und niemand erklärt es ihnen – denn Unwissen ist Teil des Systems. Die Anwerbung erfolgt häufig über die sogenannte Loverboy-Methode. Das klingt harmlos. Ist es nicht. Ein Mann taucht auf. Zuwendung. Aufmerksamkeit. Liebe – oder das, was wie Liebe aussieht. Dann folgt der Bruch: Abhängigkeit, Kontrolle, Gewalt. Viele dieser Mädchen kommen aus Kinderheimen. Aus zerrütteten Familien. Aus Situationen, in denen sie schon vorher niemand geschützt hat. Der Zuhälter muss nicht viel tun. Er füllt eine Leerstelle. Und dann werden diese jungen Frauen in ein System gebracht, das sie nicht verstehen. Dessen Sprache sie nicht sprechen, dessen Regeln sie nicht kennen. Was sie sehr schnell lernen, ist: Widerspruch lohnt sich nicht.

Wenn wir uns anschauen, wie viel Geld diese Frauen tatsächlich behalten, dann sehen wir die Brutalität des Systems sehr deutlich. Oft bleiben ihnen nicht einmal zehn Prozent dessen, was Freier bezahlen. Der Rest geht an Bordellbetreiber, an Vermieter, an Zuhälter, an sogenannte „Freunde“, an Familienstrukturen im Herkunftsland. Armut wird exportiert und hier weiter ausgebeutet. Ich frage Frauen oft: „Warum bist du hier?“ Die Antworten sind erschütternd ähnlich. „Ich muss“. „Ich habe keine Wahl“. „Meine Familie braucht das Geld.“ „Wenn ich nicht arbeite, passiert etwas.“ Das sind keine freien Entscheidungen. Das ist ökonomischer Zwang. Und das ist die Realität: Armutsprostitution und Zwangsprostitution lassen sich in der Praxis nicht sauber trennen. Wer unter existenziellem Druck steht, wer überwacht wird, wer keine Alternativen hat, ist nicht frei. Auch wenn kein Mensch mit der Waffe danebensteht. Was wir hier sehen, ist eine moderne Form von Sklaverei. Nicht mit Ketten, sondern mit Schulden. Mit Angst, mit Abhängigkeit, mit fehlenden Papieren. Und sie findet mitten in unserer Gesellschaft statt. Legal. Akzeptiert. Normalisiert.

Wenn sich ein System industrialisiert, verändert sich nicht nur die Struktur – es verändert sich auch die Art der Gewalt. Und genau das erleben wir seit Jahren sehr deutlich in der Prostitution. Die Gewalt ist nicht verschwunden. Sie ist roher, enthemmter, und gleichzeitig selbstverständlicher geworden. Viele Frauen berichten mir, dass sie heute Dinge tun müssen, die vor zwanzig oder dreißig Jahren noch die absolute Ausnahme waren. Praktiken, die mit Sexualität nichts mehr zu tun haben, sondern mit Machtausübung, mit Demütigung, mit Grenzauflösung. Würgen. Zwang ohne Kondom. Schmerzhafte Praktiken. Missachtung klarer Absprachen. Und diese Entwicklung kommt nicht von den Frauen. Sie kommt von der Nachfrage. Von Sexkäufern, die immer mehr wollen. Immer extremer. Immer verfügbarer. Prostitution folgt dem Marktprinzip: Was nachgefragt wird, setzt sich durch.

Und das hat Konsequenzen. Viele der Frauen können sich an einzelne Freier oder an ganze Abende nicht erinnern. Sie erinnern nicht mehr, was genau passiert ist. Sie erkennen es an blauen Flecken, an Schmerzen, an Verletzungen. Das ist keine Gleichgültigkeit. Das ist Dissoziation, ein Schutzmechanismus. Die Seele zieht sich zurück, wenn etwas nicht mehr auszuhalten ist. Es ist eine Überlebensstrategie. Das bedeutet aber auch: Der Preis für das Überleben ist der Verlust des eigenen Selbst. Viele Frauen erleben ihre Prostitution wie ein mentales und emotionales Massaker.

Ein weiterer Punkt, der sich stark verändert hat, ist das Verhalten der Käufer. Viele Frauen sagen mir: „Die Freier sind verrückt geworden.“ Nicht alle, aber viel zu viele: Sie benehmen sich gedankenlos, anspruchsvoll und enthemmt. Sätze wie: „Ich bezahle, also habe ich ein Recht.“ „Das ist mir egal.“ „Andere machen das auch.“ Freier unterscheiden in der Regel nicht zwischen Freiwilligkeit und Zwang. Sie fragen nicht: „Willst du das wirklich?“ Sie fragen: „Was kostet das?“ Und genau das macht dieses System so gefährlich. Warum sind heute so wenige ältere deutsche Frauen in der Prostitution? Nicht nur, weil sie „aufgestiegen“ wären und nun selbst ein Bordell führen, sondern weil sie diese Gewalt nicht mehr mitmachen. Professionelle Frauen setzen Grenzen. Und Grenzen sind im heutigen Markt nicht gefragt. Jugend, Verfügbarkeit, Widerstandslosigkeit – das verkauft sich besser.

Wenn Frauen mir sagen: „Ich habe Todesangst gehabt“ – dann ist das kein sprachliches Bild, sondern ganz real: Angst vor Verletzungen, Angst vor Krankheiten, Angst davor, nicht mehr rauszukommen. Und an dieser Stelle wird deutlich: Prostitution ist kein neutraler Austausch. Prostitution ist kein Geschäft zwischen Gleichen. Sie ist ein System, in dem Frauen gezwungen sind, sich selbst zu verlassen, um zu überleben. Und wenn wir das ernst nehmen, dann müssen wir auch über etwas sprechen, das diese Realität absichert und verschleiert. Wir sollten über Sprache sprechen, über Begriffe und über Narrative. Denn Gewalt verschwindet nicht, wenn man sie anders nennt.

Bei all der Gewalt stellt sich eine zentrale Frage: Warum sehen so viele Menschen das nicht? Warum wirkt Prostitution in der öffentlichen Debatte oft so harmlos, so normal, und so „irgendwie geregelt“? Ein ganz wesentlicher Grund dafür ist die Sprache, die wir für dieses System verwenden. Sprache ist dabei nicht neutral. Sie beeinflusst, wie Realität wahrgenommen und eingeordnet wird. Wenn aus einer Prostituierten eine „Sexarbeiterin“ wird, dann klingt das nach einem Beruf. Es klingt nach Ausbildung, nach Wahlfreiheit und Selbstbestimmung. Wenn aus einem Zuhälter ein „Manager“ wird, dann verschwindet Gewalt hinter Betriebswirtschaft. Und wenn aus einem Bordell eine „Wellnessoase“ wird, dann wird Ausbeutung zur Dienstleistung.

Diese Begriffe sind keine Zufälle. Sie sind politisch, sie sind strategisch und sie sind hochwirksam. Denn sie verschieben die Aufmerksamkeit weg von den Frauen – hin zu abstrakten Debatten über Freiheit, Selbstverwirklichung und individuelle Entscheidung. Auffällig ist dabei etwas sehr Grundsätzliches: In kaum einem anderen Bereich wird so hartnäckig auf „Freiwilligkeit“ bestanden wie in der Prostitution. In der Fleischindustrie fragt niemand nach Freiwilligkeit. In der Pflege fragt niemand nach Freiwilligkeit. In der Erntearbeit fragt niemand nach Freiwilligkeit. Aber wenn es um Frauenkörper geht, wird plötzlich so getan, als wäre Armut eine Entscheidung. Begriffe wie Würde, Menschenrechte, ethische Grenzen werden dann schnell als „moralisch“ diffamiert. Ausstiegsarbeit gilt als rückständig, Kritik wird als Bevormundung dargestellt und betroffene Frauen werden zu „Opferkonstrukten“ erklärt. Und damit werden genau die Frauen, die am meisten leiden, erneut zum Schweigen gebracht.

Sprache wirkt auch nach innen. Wenn Frauen jahrelang hören, dass das, was sie erleben, normal sei, freiwillig, Teil eines Jobs – dann beginnen viele, sich selbst nicht mehr ernst zu nehmen. Sie bagatellisieren die Gewalt, um sie ertragen zu können. Und genau hier zeigt sich, wie mächtig Sprache ist: Sie macht Gewalt unsichtbar. Sie normalisiert das Unmenschliche. In der Wirkung schützt diese Sprache weniger die betroffenen Frauen als die bestehenden Strukturen. Wenn wir also verstehen wollen, warum Prostitution so erbittert verteidigt wird, dann müssen wir uns fragen: Wer spricht eigentlich – und wer kommt so gar nicht zu Wort?

Denn das Schweigen der Mehrheit ist kein Zufall. Wenn wir heute öffentlich über Prostitution sprechen, dann fällt etwas sehr Auffälliges auf: Wir hören immer dieselben Stimmen. Und wir hören sie sehr laut. In Talkshows, auf Podien, in Medienbeiträgen sprechen fast immer Frauen, die am Rand des Prostitutionssystems stehen. Frauen, die gut Deutsch sprechen, die selbstbewusst auftreten, die ihre Situation als selbstbestimmt beschreiben, die über Ressourcen verfügen. Frauen, die Prostitution im Nebenerwerb betreiben. Diese Frauen existieren und sie dürfen sich äußern – aber sie sind nicht die Mehrheit.

Die große Mehrheit der Frauen in der Prostitution ist arm, migrantisch, jung, abhängig. Viele sprechen kaum Deutsch. Viele haben keinen sicheren Aufenthaltsstatus. Viele stehen unter Kontrolle. Viele haben Angst – auch davor, öffentlich zu reden. Diese Frauen sitzen eben nicht auf Podien. Sie schreiben keine Gastbeiträge. Sie werden nicht eingeladen. Das ist kein Zufall. Denn wer wirklich abhängig ist, wer wirklich unter Druck steht, kann es sich nicht leisten, offen zu sprechen. Ein falsches Wort kann Konsequenzen haben. Für sie, für ihre Familie, und für ihre Sicherheit. Schon seit Jahren melden sich deshalb vor allem Aussteigerinnen zu Wort. Frauen, die die Prostitution verlassen haben und die sagen: „Das, was ich erlebt habe, hat mich zerstört.“

Diese Frauen berichten von Depressionen, von Traumafolgen, von Bindungsunfähigkeit, von einem tiefen Bruch im Verhältnis zum eigenen Körper. Viele sagen: „Ich musste mir einreden, dass es freiwillig war – sonst hätte ich es nicht ausgehalten.“ Das ist ein wichtiger Punkt. Nicht jede positive Selbstbeschreibung ist Ausdruck von Freiheit. Manchmal ist sie eine Überlebensstrategie. Wer jahrelang Gewalt ertragen muss, entwickelt Erzählungen, um innerlich nicht zu zerbrechen. Das darf man nicht gegen diese Frauen wenden. Aber man darf es auch nicht zur allgemeinen Wahrheit erklären.

Was mich besonders beunruhigt, ist, dass die Stimmen der Aussteigerinnen zunehmend delegitimiert werden. Ihre Erfahrungen gelten plötzlich als „subjektiv“, als „Einzelfälle“, als „Problemgeschichten“. Dabei sind es gerade diese Frauen, die das System von innen kennen. Über Jahre. Manchmal über Jahrzehnte. Wenn ihre Stimmen entwertet werden, dann nicht aus wissenschaftlichen Gründen – sondern aus politischen. Eine Debatte, in der die am stärksten Betroffenen systematisch fehlen, ist keine faire Debatte. Und eine Politik, die sich an der lautesten Minderheit orientiert, aber nicht an der verletzlichsten Mehrheit, verfehlt ihren Auftrag.

Wenn wir also verstehen wollen, warum Prostitution so funktioniert, wie sie funktioniert, dann müssen wir das System selbst anschauen. Nicht die Einzelfälle. Nicht die Ausnahmen. Sondern die Struktur aus Markt, Macht und Gewalt. Und wenn wir all das zusammendenken, was ich bisher beschrieben habe, dann wird eines sehr deutlich: Prostitution ist kein Zufallssystem, sondern ein asymmetrischer Markt. Auf der einen Seite steht fast ausschließlich männliche Nachfrage. Auf der anderen Seite fast ausschließlich weibliches Angebot. Das allein müsste uns bereits stutzig machen. Denn Märkte, die so eindeutig geschlechtlich strukturiert sind, haben immer mit Macht zu tun. Damit dieser Markt funktioniert, braucht er Frauen, die keine Alternativen haben. Frauen, die arm sind. Die abhängig sind. Die keine Rechte haben. Die keinen Schutz haben. Diese Frauen werden nicht zufällig gefunden. Sie werden gezielt rekrutiert.

Und genau deshalb ist Gewalt kein Randphänomen der Prostitution – sie ist ihr Funktionsprinzip. Gewalt muss dabei nicht immer offen sichtbar sein. Sie kann auch strukturell sein. Ökonomischer Zwang. Angst vor Konsequenzen. Abhängigkeit von Dritten. Fehlende Aufenthaltssicherheit. Fehlende Sprachkenntnisse. All das ist Gewalt – auch wenn niemand gerade schlägt.

Und damit komme ich zu etwas, das uns als SISTERS immer wieder herausfordert: Wenn man heute die Prostitution grundsätzlich kritisiert, stellt man schnell fest: Die Reaktionen sind oft nicht sachlich. Es wird nicht diskutiert. Es wird abgewehrt. Kritische Stimmen werden nicht widerlegt, sondern delegitimiert. Man spricht ihnen Motive ab. Unterstellt Moralismus. Oder wirft ihnen vor, anderen Frauen ihre Freiheit absprechen zu wollen. Das ist ein bekanntes Muster. Diese Form der sogenannten Cancel Culture dient in diesem Zusammenhang nicht dem Schutz vulnerabler Gruppen. Sie trägt dazu bei, ein bestimmtes Narrativ abzusichern. Denn wenn grundlegende Kritik erst einmal öffentlich diskutiert würde, müssten sich viele Fragen stellen lassen. Fragen nach Macht. Fragen nach Profiten. Fragen nach Verantwortung. Stattdessen wird der Diskurs verengt. Veranstaltungen werden verhindert, Referentinnen ausgeladen, Begriffe tabuisiert. Und das sicher nicht, weil sie falsch wären – sondern weil sie unbequem sind.

Das hat konkrete Folgen. Beratungsstellen geraten unter Rechtfertigungsdruck. Ausstiegsarbeit wird diskreditiert. Frauen, die von Gewalt berichten, werden als Einzelfälle abgetan. Das Schweigen wird organisiert. Und noch einmal: Das schützt nicht die Frauen, die in der Prostitution leiden, sondern es schützt diejenigen, die von diesem System profitieren – materiell, ideologisch und/oder politisch. Eine demokratische Gesellschaft muss Widerspruch aushalten können. Gerade dann, wenn es um Gewaltverhältnisse geht. Wenn Kritik nicht mehr möglich ist, dann ist nicht die Debatte geschützt – sondern das Problem.


Und damit komme ich zum Schluss. Denn die entscheidende Frage ist nicht mehr, ob wir hinschauen können. Sondern, ob wir den Mut haben, die Konsequenzen daraus zu ziehen. Viele von Ihnen, die heute hier sitzen, haben beim Zuhören vermutlich nicht zum ersten Mal gedacht: „So ganz kann das nicht stimmen mit der Freiwilligkeit.“ Viele haben vielleicht gespürt, dass zwischen dem, was öffentlich über Prostitution gesagt wird, und dem, was Frauen tatsächlich erleben, eine große Lücke klafft. Das ist kein Zufall. Wir leben in einer Gesellschaft, die gelernt hat, Widersprüche auszuhalten, indem sie wegschaut.

Aber Wegschauen ist keine neutrale Haltung – es ist eine Entscheidung. Ich begegne im institutionellen Kontext häufig Menschen, die mir Zustimmung signalisieren, die sagen: „Sie wissen doch, ich bin Ihrer Meinung“ – dem aber keinerlei Handlung folgen lassen. Diese Form der stillen Anpassung, meist aus Angst vor Konflikten oder aus Bequemlichkeit, stabilisiert genau die Strukturen, die sie selbst als problematisch erkannt haben – und trägt so dazu bei, dass dieses Unrecht fortgeschrieben wird.

Mut zum Hinsehen bedeutet, diese Widersprüche nicht länger zu überdecken. Hinsehen heißt: anzuerkennen, dass Prostitution kein individuelles Randphänomen ist, sondern ein strukturelles Gewaltverhältnis. Hinsehen heißt: zuzuhören, wenn Frauen sagen: „Ich halte das nicht aus.“ Auch – und gerade – wenn diese Stimmen unbequem sind.

Mut zum Widerstand bedeutet nicht, laut zu werden. Oder aggressiv. Mut zum Widerstand bedeutet, klar zu bleiben. Nicht jede Praxis, die legal ist, ist gerecht. Nicht jede Entscheidung, die als „freiwillig“ bezeichnet wird, ist tatsächlich frei. Wir müssen uns als Gesellschaft fragen, ob wir akzeptieren wollen, dass Männer ein Recht haben sollen, Frauen zu kaufen. Was sagt das über unser Verständnis von Gleichberechtigung? Über unser Bild von Sexualität? Über den Wert von Frauen?

Es gibt politische Konzepte, die diese Fragen ernst nehmen – z.B. das Nordische Modell. Darüber kann und muss man diskutieren. Was man nicht tun darf, ist so zu tun, als gäbe es keine Alternativen. Oder als wäre das bestehende System das kleinere Übel. Frauen sind keine Ware. Nicht heute. Nicht morgen. Und auch nicht unter bestimmten Bedingungen. Solange wir das nicht klar benennen, wird sich an der Realität der Frauen nichts ändern.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit, für Ihre Bereitschaft zuzuhören und für den Mut, sich diesem Thema auszusetzen.