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Der HeldinnenAward 2025 für Sabine Constabel und Cathrin Schauer-Kelpin

Am 4. November 2025 haben Sabine Constabel und Cathrin Schauer-Kelpin den HeldinnenAward 2025 der Alice-Schwarzer-Stiftung erhalten. Die Laudatio für Sabine Constabel hielt Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, die die Chance nutzte, um das Nordische Modell in Deutschland zu fordern.

Zahlreiche Medien, allen voran die EMMA, berichteten. Aber auch der Tagesspiegel, WDR, Newsflix, Radio Dreyeckland, Bild, Münchener Merkur, Weltwoche, Junge Freiheit, Welt, Stern, Tagespost, TVBerlin, Bietigheimer Zeitung, Badische ZeitungGoslarsche ZeitungFränkische LandeszeitungDonaukurierT-onlineRadio Gütersloh

Die Dankesrede von Sabine Constabel hier im Wortlaut:

Herzlichen Dank, Frau Klöckner.

Ich bin tief bewegt, dankbar – und ehrlich gesagt auch ein bisschen überwältigt.
So viel Lob hört man in meinem Beruf selten – und schon gar nicht öffentlich.
Als ich damals anfing, mit Frauen in der Prostitution zu arbeiten, hatte ich keine Ahnung, dass mich diese Arbeit nie wieder loslassen würde.
Ich bin geblieben, weil ich nie gelernt habe, wegzusehen.
Und wenn man einmal verstanden hat, was Prostitution mit Frauen macht – dann kann man das auch nicht mehr.

Was mich über all die Jahre getragen hat, sind die Begegnungen mit den Frauen.
Ihr Mut, ihre Verletzlichkeit, ihre Hoffnung – auch dann, wenn sie selbst kaum noch an ein Danach glauben konnten.
Es sind diese Frauen, die mich immer wieder daran erinnern, warum ich das tue.
Weil jede einzelne zählt.
Weil keine Frau verloren gehen darf in einem System, das von ihrer Verletzung lebt.
Und weil Menschlichkeit immer da anfängt, wo wir hinschauen – auch wenn es weh tut.

Mich hat immer bewegt, wie groß die Diskrepanz ist zwischen dem, was öffentlich erzählt und gezeigt wird, und dem, was Frauen tatsächlich erleben.
Da draußen wird immer noch von „freiwilliger Sexarbeit“ gesprochen, aber die meisten Frauen, die mir begegneten, hatten bereits als Kinder oder Jugendliche sexualisierte Gewalt erlebt.
Für sie war der Einstieg in die Prostitution keine freie Berufswahl, sondern immer der Versuch, eine Krise zu bewältigen – zu überleben, irgendwie wieder Boden unter die Füße zu bekommen.
Immer hieß es: „Nur ein, zwei Jahre – dann höre ich auf.“
Aber der Einstieg war leicht, der Ausstieg fast unmöglich. Und die Wunden, die die Prostitution hinterließ, heilten selten. Sie blieben – als schweres Gepäck durchs ganze Leben.
Prostitution ist keine Dienstleistung. Körper und Seele sind untrennbar miteinander verbunden. Man kann nicht den Körper als Ware mal eben über die Theke reichen.
Prostitution ist Gewalt.

Und deshalb brauchen wir endlich den Mut, das Sexkaufverbot auch in Deutschland umzusetzen.
Andere Länder – Schweden, Frankreich, Spanien, Norwegen – haben längst begriffen:
Nicht die Frauen müssen sich rechtfertigen, sondern die Freier.
Diese Länder schauen mit Fassungslosigkeit auf Deutschland – auf das Land, das zum Bordell Europas geworden ist.
Und genau deshalb gibt es SISTERS.
Weil wir nicht länger hinnehmen wollten, dass Frauen ausgebeutet und gleichzeitig zum Schweigen gebracht werden.
Weil wir ihnen eine echte Perspektive geben wollten – auf Würde, Freiheit und ein Leben jenseits der Prostitution.
SISTERS – das sind heute über 700 Frauen (und auch Männer) in ganz Deutschland.
In Ortsgruppen, auf den Straßen, in Bordellen, in Beratungen.
Sie hören zu, sie helfen beim Ausstieg, sie leisten Prävention und Aufklärung.
Sie stehen stellvertretend für all die Frauen, die niemand sieht.
Ich denke da auch an unsere Ortsgruppe in Leipzig, die vor kurzem eine Veranstaltung an einer Hochschule organisieren wollte –
über Prostitution, über Ausstieg, über Realität.
Ein vermummter Mob stürmte den Saal, schrie, drohte, wollte sie zum Schweigen bringen.
Aber sie blieben. Eineinhalb Stunden lang.
Das ist Mut.
Das sind SISTERS.

Liebe Alice,
Du warst due Erste in Deutschland, die laut ausgesprochen hat,  dass Prostitution nichts mit Freiheit, sondern mit Unterdrückung zu tun hat.
Du warst da, als viele von uns noch ganz allein im Gegenwind standen.
Du hast mit deiner Stimme, mit deiner Autorität, mit deiner unerschütterlichen Haltung dafür gesorgt, dass unsere Perspektive überhaupt Gehör fand.
Als wir SISTERS gegründet haben, warst du nicht nur Beobachterin – du warst Wegbereiterin.
Du hast uns ermutigt, unterstützt, Türen geöffnet, und ja – du hast auch schützend deine Hand über uns gehalten, als andere versucht haben, uns mundtot zu machen.
Ohne deine Unterstützung gäbe es SISTERS nicht in dieser Stärke.
Das, was wir heute sind – eine lebendige, unabhängige Bewegung von Frauen – das verdanken wir der Kraft vieler.
Dem Mut derer, die rausgehen, der Hartnäckigkeit derer, die schreiben und streiten, derer die sich in den Wind stellen, und der Solidarität von Frauen, die sich gegenseitig tragen.
Alice, ich danke dir von Herzen – für deinen Mut, für deine Klarheit, für deine unermüdliche Solidarität mit den Schwächsten und für das Vertrauen, das du in uns gesetzt hast.
Du hast uns gestärkt – und wir führen diesen Kampf weiter, Seite an Seite, jede auf ihre Weise.

Ich danke auch allen Frauen bei SISTERS – meinen Mitstreiterinnen –, die Tag für Tag das tun, was Politik und Gesellschaft zu oft versäumen:
Hinzusehen.
Hinzuhören.
Und nicht lockerzulassen, bis Frauen frei sind.
Dieser Preis bedeutet mir viel – nicht nur persönlich, sondern für alle Frauen, die in der Prostitution gefangen sind.
Denn mit dieser Auszeichnung bekommen auch sie Sichtbarkeit.
Danke, dass ihr hinhört.
Danke, dass ihr mit uns kämpft – für eine Gesellschaft, in der keine Frau mehr zur Ware gemacht werden darf.